Mit dem Fahrrad und meinem neuen Kleid fahre ich entlang des Strandes Richtung Altstadt. Ich liebe dieses Gefühl. Der Blick zum Meer, der Wind in meinen Haaren – das alles verleiht mir ein Gefühl von Freiheit. Oder vielleicht einfach nur Glück. In der Altstadt ziehe ich einige Blicke auf mich. Das habe ich in Italien gelernt: immer schöne Unterwäsche, schöne Kleider und schöne Schuhe zu tragen. Plötzlich springt jemand vor mein Fahrrad. Ich stoppe. Eine Leserin aus Österreich hat mich erkannt. Strahlend erzählt sie mir von ihrer neuen Liebe. Ich freue mich mit ihr. Ich fahre weiter Richtung Hafen. Ich bin zum Aperitivo verabredet. Campari Spritz wird bestellt und gemeinsam mit Chips serviert. Die Stimmung wird rasch sehr flirty. Ich frage mich, wie das passieren kann. Ich verhalte mich nicht anders als in Österreich. Ich flirte nie. Ich wüsste nicht einmal, wie es funktioniert. Im Hintergrund ertönt ein italienisches Lied. Ich verstehe nur die Wörter ‚fantasia‘ und ‚sesso‘. Ich trage meine Sonnenbrille und wende meinen Blick Richtung Meer, beobachte die sanften Wellen. Ich klinke mich mental aus diesem Gespräch aus. Ich höre nur noch italienische Wörter auf meiner linken Seite, die ich nicht verstehe und vielleicht auch gar nicht verstehen will. So sitze ich im Hafen von Grado verfangen in einem ungewöhnlichen Gespräch, und starre auf das Meer. Am liebsten wäre ich hineingesprungen. Abgetaucht. Nun wird wieder zu Deutsch gewechselt. „Was hältst du davon, wenn wir uns heute nach dem Abendessen wieder auf einen Drink treffen?“, sagt er nun. Ein ganz großes Fragezeichen taucht in meinem Kopf auf. Ich sende null Signale. Offensichtlich braucht es keine Signale, um solche Fragen zu stellen. Ich lasse mir eine Notlüge einfallen und sage, dass ich im Hotel essen werde. Ich muss schnell raus aus dieser Situation. Ich verabschiede mich abrupt und steige auf mein Fahrrad. Ganz schnell fahre ich Richtung Hotel. Ciao Bella, meine Liebe, Amore, Cara,… – Wörter die ich in den letzten Tagen von verschiedenen Menschen gehört habe, ziehen durch meinen Kopf. Wie waren diese zu interpretieren? Das alles ist zu viel für ein zartes, feinfühliges Wesen wie mich. Ich trete stärker in die Pedale. Ich muss ganz schnell zurück zum Hotel. Ich nehme eine Abkürzung, fahre über den Rasen und will auf den Fahrradstreifen und da passiert es. Das Vorderrad verfängt sich in einer Rille und stoppt abrupt. Ich stürze. Ein nachkommender Radfahrer bleibt stehen, erkundigt sich nach meinem Befinden. „Alles in Ordnung“, sage ich. Mein Arm schmerzt stark. Ich will nur noch zurück zum Hotel. Auf mein Zimmer. Denn das Hotel ist mein sicherer Hafen.
| Cookie | Dauer | Beschreibung |
|---|---|---|
| pll_language | 1 year | The pll _language cookie is used by Polylang to remember the language selected by the user when returning to the website, and also to get the language information when not available in another way. |