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Das Band zwischen ihr und ihm II

Ava Heinisch, Privatdozentin und Autorin, erzählt:

Eigentlich begann alles unspektakulär. Er schickte mir eine Followeranfrage über Instagram. Ich bestätigte diese und folgte ihm zurück. Er begann meine Stories zu liken. Vorerst eher sporadisch, mit der Zeit beinahe jede. Zunächst dachte ich mir nicht viel dabei, denn neue Follower liken viel. Doch dieses Liken wurde nicht weniger. Deswegen wurde ich aufmerksam.

Eines Abends saß ich mit einer Tasse Tee vor dem Kamin. Ich hatte Zeit und sah mir sein Profil näher an. Er war Schriftsteller, Bestsellerautor, und er stand kurz vor der Veröffentlichung seines sechsten Romans. Und er war mindestens 10 Jahre älter als ich, schätzte ich. Sein Profil führte mich weiter zu seiner Website mit Leseproben seiner Bücher und seinem Blog. Ich mochte seine Art zu schreiben, seine Melodie, seinen Ton. In seinen Texten steckte eine Portion Mut und manchmal auch eine Botschaft. In manchen seiner Textstellen fand ich mich wieder, was ihn spannend für mich machte.

Mit der Zeit bekam ich auch Nachrichten, Reaktionen auf meine Stories. Manchmal zweideutig. Vielleicht interpretierte ich sie aber auch nur so, denn ich hatte den Hang dazu, mein gesamtes Leben zu romantisieren. Es schmeichelte mir, dass ein Schriftsteller, dessen Worte ich sehr mochte, mit mir virtuell in Kontakt getreten war. Sein Liken war auch nach einem Jahr noch nicht verschwunden. Er bewies Durchhaltevermögen. Es war aufregend mit ihm, obwohl wir uns nicht kannten. Ich fragte mich dennoch, ob es vielleicht eine Marketingstrategie seinerseits war. Womöglich reagierte nicht er, sondern sein Marketingassistent, womöglich eine KI. Der Gedanke an einen Flirt mit einer KI ließ meine Begeisterung sofort schwinden. Dies musste ich abklären. Bei einem Telefonat mit meiner Marketingexpertin fragte ich diese, so beiläufig wie möglich, ob es sein könnte, dass das Liken von Stories einen Marketinghintergrund hatte. Sie verneinte. Ich war beruhigt. Dann gratulierte er mir zum Geburtstag und begann mir Nachrichten zu schreiben, wenn er auf Reisen war. Er schrieb mir nichts Außergewöhnliches. Ich mochte es dennoch. Ich mochte den Gedanken, dass er, wenn er auf Reisen war, an mich dachte. Ein sehr schöner Gedanke. Vielleicht war ihm aber auch nur langweilig. Interessant war die Tatsache, dass ich oft an ihn denken musste. Schließlich tauchte er ständig in virtueller Form bei mir auf. Sein Profilbild, versehen mit einem Herzen, an erster Stelle meiner Story-Views hatte sich in meinem Kopf festgesetzt, beinahe eingebrannt. Virtuelle Abwesenheiten seinerseits führten nun dazu, dass ich mir darüber Gedanken machte, ob alles OK bei ihm war.

Und dann an einem Frühlingstag, nach einem dreijährigen Liken meiner Stories, passierte das, was ich schon immer gewusst hatte. Ich kam vom Tennis nach Hause, holte mir ein Glas Wasser mit einem Spritzer Zitrone und checkte meine Social Media Accounts. Da war eine Nachricht von ihm. Ich war aufgeregt.

„Ich bin am Donnerstag in der Stadt. Hast du Lust auf einen Kaffee? Ich würde mich gerne mit dir über das Schreiben austauschen.“

Mit dem Handy und dem Glas Wasser in den Händen ging ich zum Küchentisch, setzte mich und las die Nachricht erneut. Ich freute mich und musste schmunzeln. Mich überkam aber auch ein mulmiges Gefühl, denn ich wusste, dass dieses Treffen sein Leben verändern würde. Dass er sich danach eine Frage stellen müsste, mit der er sich noch nicht beschäftigt hatte. Eine Frage, mit der er sich intensiver auseinandersetzen müsste als es die Protagonisten seiner Romane tun. Mir war klar, dass dieses Treffen sein Leben auf den Kopf stellen würde. Diese Gewissheit ließ mich zögern. Ich wusste nicht, ob ich das verantworten konnte und wollte. Schließlich schrieb ich ihm:

„Hallo Chris! Sehr gerne! Wann und wo wollen wir uns treffen? Liebe Grüße, Ava“

Ich ging aufgeregt zur Terrassentür, öffnete sie und trat hinaus ins Freie. Die Vögel zwitscherten. Schneeglöckchen und Veilchen blühten. Der Frühling war gekommen. Ich nahm einen tiefen Atemzug, blickte in den blauen Himmel und hoffte, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

 

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