In Nizza steige ich aus dem Flugzeug. Ich sehe die Palmen und spüre den Wind in meinem Gesicht, in meinen Haaren. Ich stelle mir kurz vor, wie sich der Sommer hier anfühlen würde und wen ich hier treffen würde. Ich gehe weiter mit meinen Schwestern zur Gepäckausgabe. Wir warten eine Weile, dann sehe ich auch schon meinen Koffer. Ich kenne ihn gut. Er hat mich schon auf zahlreichen Reisen begleitet. Der IATA-Code auf dem Plastikgepäckanhänger, den sie meinem Koffer verpasst haben, springt mir ins Auge. Der IATA-Code, welcher groß auf meinem Koffer klebt, trägt deine Initialen. Eigentlich bist du in Italien und ich in Frankreich, um mich abzulenken, um auf andere Gedanken zu kommen. Ich schüttle meinen Kopf, muss schmunzeln und schnappe meinen Koffer.
Im Hotel angekommen, stelle ich meinen Koffer mit dir neben meinem Bett ab. Ich öffne die Balkontür und die Fensterläden. Es ist Frühling in Nizza im Jänner. Herrlich. Beim Blick auf die Straße unter mir, in der sich viele Restaurants befinden, und auf der buntes Treiben herrscht, wird mir beinahe schwindelig. Ich schließe die Balkontür. Ich muss nun zum Meer, muss mir Nizza ansehen, muss mich unter die Menschen mischen. Du bleibst auf dem Zimmer.
Unser erster Weg führt mich und meine Schwestern zur Promenade des Anglais. Eine Schwester telefoniert, die andere sucht etwas in ihrer Handtasche. Sie in der Nähe zu haben ist immer gut, denn sie hat alles dabei, was man eventuell brauchen könnte. Ich gehe runter zum Plage, zum Meer. Das Türkis ist speziell, beinahe neu für mich. Viele Menschen sitzen am Strand und beobachten das Meer. Es wirkt. Immer.
Ich gehe wieder zurück zu meinen Schwestern und wir spazieren weiter entlang der Promenade. Strandrestaurants haben geöffnet. Ich muss mir alles genau ansehen. Es ist ein neues Bild für mich. Sonnenschirme sind aufgespannt. Die Menschen sitzen mit ihren Jacken im Freien und feiern das Leben. Zwischen den Schirmen Tannenbäume, die nicht aus Plastik sind. An einem Tisch schenkt ein Mann mit Sonnenbrille Wein nach. Die Weinflasche ist größer als gewöhnlich. Ich rufe mir in Erinnerung, dass heute Donnerstag, der 2. Januar ist und das Leben an einem 2. Januar auch so aussehen kann. Das gefällt mir. Sehr sogar. Wir haben Hunger und beschließen umzukehren und in die Innenstadt zu gehen. Wir betrachten die Bars an der Promenade mit ihren Balkons, die voll mit Gästen sind, die bei einem Sundowner den Sonnenuntergang genießen. Irgendwo zwischen der Waka Bar und dem Movida biegen wir in die Innenstadt ein und wählen eines der ersten Restaurants. Wir sitzen draußen. Die braunen Holzmöbel tragen weiße Polster. Der in der Mitte des Gastgartens platzierte Tannenbaum trägt weiße Schleifen. Die Fassade der Brasserie ist pastellgelb, die Fensterläden grün. Neben der Eingangstür befinden sich zwei Olivenbäumchen. Alles wirkt einfach und sehr stimmig. Ich fühle mich wohl hier. Der Kellner spricht englisch, er ist sehr offen und macht Scherze. Die Speisekarte beschäftigt mich nicht allzu lange, ich wähle Pasta mit Tomatensauce und Burrata, bleibe lieber noch beim Altbekannten und beobachte die anderen Gäste. Zur Hauptspeise wird Wein getrunken, danach Café. Der Kellner serviert das Essen. Ich bekomme Trüffelspaghetti, mit ganz viel Trüffel. Ich mag Trüffel nicht. Mit Trüffel ist es wie mit Whiskey, ich bekomme den Geschmack nicht mehr weg. Ich rede mit dem Kellner. Er ist sehr freundlich. Er entschuldigt sich. Zwei Damen haben nun an einem Tisch neben uns Platz genommen. Ich schätze sie auf Mitte Vierzig. Sie bestellen Wein und diskutieren. Hin und wieder kommt der Kellner und unterhält sich mit ihnen. Meine Spaghetti kommen. Dieses Mal mit Tomatensauce und Burrata. In der Zwischenzeit nehmen zwei weitere Frauen an einem Tisch vor uns Platz. Sie bestellen eine Flasche Champagner. Das gefällt mir. Ich schätze beide auf Anfang Zwanzig, beide bildhübsch. Eine der beiden Frauen ist von oben bis unten beige angezogen, hat dunkelbraune glatte Haare bis zum Kinn, ein makelloses Gesicht. Die andere junge Frau trägt enge Jeans, einen beigen Strickpulli mit dunkelblauer Aufschrift und mit Reißverschlusskragen. Sie hat ihre Haare geflochten. Wir könnten nun auch in St. Moritz sein. Beide trinken und rauchen, scherzen mit dem Kellner und machen Fotos. Es macht Spaß ihnen zuzusehen. Der Kellner fragt uns nach der Nachspeise. Aperol-Spritz wird unsere Nachspeise. Wir bestellen und im gleichen Moment beschließe ich, dass sich das jetzt ändern muss. Keine Pasta, kein Aperol-Spritz in Nizza. Ich nehme mir fest vor, mich in den nächsten Tagen in Nizza hineinzuversetzen, mich hineinzufühlen, mich von Nizza tragen zu lassen. Mit diesen Gedanken gehe ich später auch schlafen. In mein Doppelbett in einem Hotel in Nizza mit meinem Koffer neben mir, der deine Initialen trägt.
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